Warum Laufverletzungen nicht durch „zu viel Belastung“ entstehen

Warum Laufverletzungen nicht durch „zu viel Belastung“ entstehen

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Laufverletzungen vor allem durch zu hohe Belastung entstehen. Zu viele Kilometer, zu wenig Regeneration oder eine zu schnelle Steigerung des Trainingsumfangs gelten als die klassischen Ursachen. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Denn wenn man sich genauer anschaut, wann und warum Gewebe tatsächlich Schaden nimmt, zeigt sich ein anderes Bild: Nicht die Höhe der Belastung ist entscheidend, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie auftritt.

 

In der Physik gibt es dafür einen Begriff: Jerk – die Änderung der Beschleunigung über die Zeit. Während Kraft beschreibt, wie stark eine Belastung ist, beschreibt Jerk, wie abrupt sie entsteht. Und genau diese Abruptheit ist für den menschlichen Körper oft der kritische Faktor.

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Eigenschaften unseres Gewebes. Sehnen, Bänder und Knorpel sind viskoelastisch. Sie reagieren nicht sofort wie ein starres Material, sondern benötigen Zeit, um Belastung aufzunehmen und zu verteilen. Wird eine Kraft gleichmäßig aufgebaut, kann sich das Gewebe anpassen, Spannungen werden verteilt und die Struktur bleibt intakt. Entsteht dieselbe Kraft jedoch zu schnell, konzentriert sich die Belastung lokal. Es kommt zu kleinen strukturellen Schäden – sogenannten Mikrotraumata.

Diese Mikrotraumata sind es, die sich über viele Wiederholungen hinweg aufsummieren und letztlich zu den typischen Beschwerden führen, die wir als „Überlastungsverletzungen“ kennen. Der Begriff ist dabei eigentlich irreführend. In vielen Fällen ist nicht die Menge der Belastung das Problem, sondern ihr zeitlicher Verlauf.

 

Wird die Belastung schneller aufgebaut, als das Gewebe reagieren kann, wird eine kritische Grenze überschritten – die sogenannte Critical Strain Rate. In diesem Moment beginnen die kollagenen Strukturen im Gewebe zu versagen. Anfangs bleibt das oft unbemerkt, doch mit jeder weiteren Wiederholung steigt der Schaden, bis schließlich Schmerzen entstehen.

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum viele klassische Ansätze zur Verletzungsprävention nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Besonders im Laufschuhbereich liegt der Fokus häufig auf Dämpfung. Die Idee dahinter ist simpel: Wenn die auf den Körper wirkenden Kräfte reduziert werden, sinkt auch das Verletzungsrisiko.

 

Doch diese Logik greift zu kurz. Dämpfung kann zwar die Höhe der Kraft beeinflussen, verändert aber oft nicht die Geschwindigkeit, mit der sie entsteht. In manchen Fällen kann sie diese sogar negativ beeinflussen, etwa wenn weiche Materialien zu Instabilität führen und zusätzliche Bewegungen im System erzeugen. Dadurch entstehen neue, unkontrollierte Belastungsspitzen.

 

Ein weiterer verbreiteter Denkfehler liegt in der Vereinfachung des menschlichen Körpers als eine Art Feder-Masse-System, ähnlich einem springenden Ball. Diese Modelle sind zwar intuitiv, werden der Realität aber nicht gerecht. Der menschliche Körper ist ein hochkomplexes System aus rotierenden Gelenken, die durch Muskeln gesteuert und miteinander koordiniert werden. Bewegung entsteht nicht durch simples „Federn“, sondern durch präzise abgestimmte Übergänge zwischen diesen Rotationen.

Gerade in diesen Übergängen liegt ein entscheidender Moment: Wenn ein Gelenk die Bewegungsrichtung ändert, müssen Kräfte kontrolliert abgebaut und wieder aufgebaut werden. Gelingt das nicht gleichmäßig, entstehen genau die abrupten Belastungsspitzen, die zu Mikrotrauma führen.

 

Die Konsequenz daraus ist grundlegend. Wenn Verletzungen nicht primär durch die Höhe der Kraft entstehen, sondern durch ihre zeitliche Dynamik, dann muss auch die Lösung an dieser Stelle ansetzen. Es reicht nicht aus, Bewegung einfach nur „weicher“ zu machen. Entscheidend ist, sie kontrollierter zu gestalten.

Gesunde Bewegung zeichnet sich dadurch aus, dass Übergänge fließend sind, Belastungen gleichmäßig aufgebaut werden und keine abrupten Spitzen entstehen. Es geht darum, die Dynamik der Bewegung zu steuern – nicht nur ihre Intensität zu reduzieren. Oder anders formuliert: Der menschliche Körper kann erstaunlich hohe Kräfte aushalten. Was er jedoch schlecht toleriert, sind plötzliche Veränderungen dieser Kräfte.

Genau hier liegt ein unser Ansatz für das Verständnis von Bewegung, für Therapie und für die Entwicklung von Produkten. Wer nicht nur die Kraft betrachtet, sondern auch ihre zeitliche Entwicklung, kommt zu einem tieferen Verständnis der Ursachen von Verletzungen – und damit zu Lösungen, die tatsächlich an der Wurzel des Problems ansetzen. Willkommen bei Vimazi.